Enterprise 2.0
In der Diskussion um Web 2.0 gewinne ich in der Blogosphäre zunehmend den Eindruck von polarisierenden Sichtweisen, die jede auf ihre Art den Blick für die Realität verlieren. Auf der einen Seite wird übereuphorisch von der Entwicklung der Menschheit zu kollaborativen Massenindividuen und e-nomadisierenden vernetzten e-Tribes gepredigt mit dem Hinweis, Unternehmen müssten nur auf jeden neuen Zug aufspringen. Bottom-up, Top-Down – egal: alles funktioniert, solange Kunden und/oder Nutzer nur integriert sind. Es gibt jetzt sogar Studien, die das belegen. Auf der anderen Seite knöchern anmutende Strukturen, die ihr eigenes durch Web 2.0-Strategien ausschöpfbares Potential nicht erkennen – oder die sich prinzipiell neuen Entwicklungen und vor allem neuen Denkweisen nicht stellen möchten. Dazwischen wuseln die technischen Antreiber des neuen Denkens, die Entwickler herum und präsentieren in Rekordzeiten völlig neue und absolut überzeugenden Neuerungen, die zuvor Erhofftes ermöglichen. Doch entstehen, entwickeln und vergehen viele dieser Optionen scheinbar unberechenbar und rasend schnell, dass Außenstehende Mühe haben, sich einigermaßen auf dem aktuellen Stand – und somit Bewertungsvermögen – zu halten. Diese Unkenntnis und Unaufgeklärtheit in Bezug auf Einzelzusammenhänge gilt es auszugleichen. Nicht jedoch im Sinne von noch mehr lernen, sondern in der Betrachtung der Gesamtzusammenhänge. Hier ist die Wissenschaft meiner Meinung nach den Diskussionen in der Blogosphäre, die sich zurzeit mehr mit der Auseinandersetzung mit dem Neuen als mit der Gestaltung eines Gesamtbildes befasst, weit voraus. Beispielhaft sei auf die Arbeit der FAZIT-Forschung der MFG-Stiftung Baden-Württemberg verwiesen, die Wissenschaftlichkeit, Realisierung in der Wirtschaft und spürbare Begeisterung für Open Innovation und Enterprise 2.0 miteinander vereinbaren.
Zeit zum Bloggen
Meine Diplomarbeit ist nun fertig! Die „Integration des Kunden in den Leistungserstellungsprozess“ ist durchdacht und mein Studium somit (endlich) abgeschlossen.
Das bringt mir nun auch mehr Zeit zum Bloggen, zum freien Recherchieren und zum Zusammentragen von Ideen zum Web 2.0-Marketing. Sowohl im Nonprofit-Bereich als auch in der freien Wirtschaft sehe ich neben vielen neuen Initiativen und Ideen wenig überzeugende ganzheitliche Konzeptionen. Blogs, Podcasts, Twitter-Accounts, Wikis und Communities zu jedem Thema sprießen aus dem Boden – scheinbar einfach nur, um „dabei“ zu sein. Nachhaltigkeit und Zielorientierung sind in den wenigsten Fällen zu erkennen. Dies sind meiner Meinung nach aber die wichtigsten Kriterien bei der Entscheidung für das neue Marketing. Community Management macht wenig Sinn, wenn es nicht dazu dient, den Kunden in unternehmenseigene Prozesse zu integrieren, außer vielleicht bei Communities, die sich – wie die Großen – um sich selbst drehen. Geht es aber darum, einen Mehrwert für ein Unternehmen durch Gründung einer Community, durch die Einrichtung von Corporate Blogs oder durch Aufsetzen eines Twitter-Accounts zu bilden, und ist das Unternehmen bereit, sich gegenüber dem Nutzer, dem Kunden, zu öffnen, so entsteht ein Plus auf beiden Seiten: Der Nutzer erhält die Möglichkeit, Eigenschaften von Produkten und Dienstleistungen mit zu gestalten und seinen Bedürfnissen anzupassen. Das Unternehmen profitiert davon, indem Kundenbedürfnisse direkt von Kunden an sie herangetragen werden (anstatt diese erheben zu müssen) sowie durch externe Innovationsimpulse, die wie bei LEGO Factory die internen Entwicklungen unterstützen.
Web 2.0 ist also mehr als Applikationen, Öffentlichkeitsarbeit und Mitschwimmen im Trend – es ist die Überzeugung, dass Beteiligung von Kunden und Nutzern an Unternehmensprozessen Mehrwert für alle bringt. Davon wird dieses Blog in Zukunft verstärkt handeln.
