Social Media Leben!
Social Media ist in aller Munde – ist es nicht? Nein, ist es tatsächlich nicht.
Jedenfalls nicht so, wie ich es mir das wünsche. Wie sonst ist es zu erklären, dass heutzutage immer noch Artikel die Zeitungen und Online-Medien füllen, die sich grundsätzlich dem Thema widmen: „Was ist das Web 2.0?“ oder „Welche Vorteile bringt die Teilnahme am sozialen Netz“ etc., über die ich immer wieder stolpere.
So freut mich der aktuelle 12. Artikel zur NPO-Blogparade, in dem die Web 2.0-Expertin Katrin Kiefer fragt, welche konkreten Voraussetzungen Nonprofit-Organisationen leisten müssen, um erfolgreich Social Media einsetzen zu können. Sie sieht Web 2.0 als aufstrebendes Phänomen auch für den Nonprofit-Bereich, mahnt aber kritisch an, dass die Möglichkeiten bislang nicht oder nur unzureichend genutzt werden.
Wieso, so mag der Leser der NPO-Blogparade fragen, ist diese Frage – oder diese Art Fragen immer wieder – für NPOs überhaupt gesondert zu untersuchen?
Meine Erklärung lautet: Starrsinn der alten Generation, keine Wettbewerbszwänge, keine Innovationslust!
In vielen persönlichen Gesprächen, in denen ich für die Demokratisierung des Internet über die neuen technischen Möglichkeiten eintrete, schlägt mir häufig Staunen, Ungläubigkeit, Verwirrung und Ablehnung entgegen.
Das Staunen fängt schon an, wenn ich darstelle, wie ich mit einfachen kostenlosen Wikis wie z.B. über Google Sites ein Instrument zur gemeinsamen Planung und Zusammenarbeit schaffen kann.
Ungläubigkeit ernte ich, wenn ich demonstriere, wie ich mit meiner Android-Handycamera durch die Straßen gehe und über Wikitude sämtliche Sehenswürdigkeiten, Geschäfte, Organisationen etc. in der Nähe eingeblendet bekomme.
Verwirrung entsteht, wenn ich mein Tweetdeck öffne und damit meine Facebook- und Twitter-Updates verwalte.
Dafür habe ich größtes Verständnis – die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasend schnell weiter und es ist selbst für interessierte Nutzer nahezu unmöglich, damit Schritt zu halten.
Was mich jedoch ärgert, ist die Reaktion der pauschalen Ablehnung von Social Media. Leider begegnet die mir allzu häufig bei Personen der „alten“ Generation – ab wann die zu zählen ist, bin ich mir unsicher. Auf jeden Fall erlebe ich in direkten Gesprächen die Mehrheit der Personen ab Mitte, vielleicht sogar Anfang 30, nahezu allergisch auf Schlagworte wie Communities, gemeinschaftliches Online-Arbeiten oder gegenseitige Vernetzung. Ausnahmen gibt es natürlich sehr wohl: ebay und Amazon werden von einer breiten Masse rege genutzt – inklusive der Bewertungs- und Referenzfunktionen. Wobei den meisten Nutzern sicher nicht bewusst ist, dass sie sich damit dem Kern des Web 2.0 gefährlich nähern. Doch geht es über den Konsum hinaus, blockieren Viele: „Ich weiß doch nicht, was mit meinen Daten da draußen passiert“, „Ich habe mit meinem Netzwerk im Dorf schon genug zu tun“ etc.
Auch berechtigt, zumindest für Privatpersonen. Aber Vertreter von Unternehmen und Organisationen müssen sich endlich ihrer digitalen Verantwortung stellen! Während Unternehmen die besseren Zuhörer sind, weil sie den Kunden erreichen wollen, bemühen sich NPOs oftmals nicht um ihre Kunden, Klienten oder Stakeholder. Ein Luxus, der offensichtlich auf breiter Front zur Innovationsverneinung führt.
„Ob wir das wollen oder nicht – wir sind mittlerweile selbst dann Teil des omnipräsenten Internets, wenn wir glauben, offline zu sein.“ schreibt Suhrkamp-Autor Stefan Münker in seinem Plädoyer für die Sozialen Medien im Internet auf Spiegel online. Der Artikel befasst sich auch schon wieder grundlegend mit Web 2.0 / Social Media, doch ist er anders, fordernder: „Erst jetzt, und auch nur mit den Web-2.0-Anwendungen, wird die massenhaft verbreitete Nutzung gemeinschaftlich geteilter interaktiver Medien zum ersten Mal Wirklichkeit; die kollaborativen Projekte seiner Sozialen Medien realisieren eine Praxis der partizipatorischen Mediennutzung, die zumeist überraschend effizient und dabei fast immer demokratischer ist, als wir es von früheren Medien gewohnt sind. Das Web 2.0 erscheint dabei zumindest tendenziell als die real gewordene Utopie jener demokratischen Umnutzung der Massenmedien, deren Ideal zuerst wohl Bertolt Brecht in seinem Rundfunkaufsatz aus dem Jahr 1932 entworfen hat. Als Netz gemeinschaftlich produzierender Sender wird das Web 2.0 zu einem medialen Baustein einer neuen Form gesellschaftlicher Öffentlichkeit.“ Utopien, die Wirklichkeit geworden sind. Medialer Baustein einer neuen Form gesellschaftlicher Öffentlichkeit.
Daraus lässt sich ableiten, dass Organisationen, die die neuen Möglichkeiten bewusst nicht nutzen wollen, an dieser Öffentlichkeit nicht teilnehmen, hier also auch keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Wie ich in einem früheren Artikel angeführt habe, sind aus meiner Sicht Wirtschaftsunternehmen die besseren Zuhörer – überlassen die Nonprofit-Organisationen ihnen auch das Feld der gesellschaftlichen Verantwortung in der neuen Form gesellschaftlicher Öffentlichkeit?
Das steht zu befürchten. Stefan Münker schreibt weiter: „Gesellschaften brauchen Öffentlichkeiten. Zum Austausch von wichtigen Informationen, zur Auseinandersetzung über strittige Meinungen, zur Vermittlung unterschiedlicher Interessen. Öffentlichkeiten stiften Identitäten und erzeugen Differenzen; sie sind Orte des Zusammenfindens und der Abgrenzung zugleich: gerade auch die des Web 2.0. Die digitalen Öffentlichkeiten im Web 2.0 bereichern die plurale Vielfalt unserer Gesellschaft.“
Wer sich also nicht am Web 2.0 beteiligt, steuert nichts zur Bereicherung der pluralen Vielfalt in den digitalen Öffentlichkeiten bei. Privatpersonen müssen das nicht, sie können das tun oder lassen. Unternehmen, die sich im Wettbewerb um Kunden und Märkte befinden, nutzen das zum Teil bereits intensiv. Organisationen, deren Ziel und Zweck nicht auf der Ebene des öffentlichen Diskurses gerichtet ist, müssen das auch nicht. Alle anderen sollten sich langsam mal bemühen.
Die eigentliche Frage von Katrin Kiefer nach den Voraussetzungen möchte ich darauf aufbauend beantworten. Wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich der digitalen Verantwortung zu stellen und dementsprechend die Möglichkeiten, die sich mittlerweile zuhauf bieten, zu nutzen. Als weitere Voraussetzungen sind zu nennen:
- Entwicklung einer Social Media Strategie (siehe auch den aktuellen Beitrag dazu von Hannes Jähnert)
- Kundenorientierung (oder auch Klienten- oder Stakeholderorientierung)
- stete Fortbildung der Mitarbeiter zu Social Media
- Lust, sich weiterzuentwickeln
- Wettbewerb (und somit der Zwang, sich weiterzuentwickeln)
- Nutzung der Vernetzungsmöglichkeiten
Es liegt oftmals an einzelnen Mitarbeiter/innen in Nonprofit-Organisationen, quasi von unten Web 2.0 in die Organisation zu bringen – sei es, indem sie zunächst privat, dann immer öfter in beruflichen Zusammenhängen twittern, eine Facebook-Seite eröffnen usw. Wenn sich jedoch daraus keine Strategie, keine zielgerichtete Absicht und keine Bündelung von Ressourcen hin zu einer interaktiv kommunizierenden und kollaborativ arbeitenden Organisation entwickelt, bleibt dies ein Hobby, das Arbeitszeit kostet, dessen Wirkung aber verpufft.
Social Media sollte zu einem wichtigen Bestandteil von Unternehmenskommunikation werden – zur nachhaltigen Weiterentwicklung der gesamten Organisation.
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Soziosponsoring – Eine Möglichkeit für kleine NPOs? (NPO-Blogparade)
Ludger Brenner von den PR-Indianern fragt sich in seinem aktuellen Beitrag zur NPO-Blogparade, ob sich Sozio- oder Sozialsponsoring auch für kleinere Nonprofit-Organisationen als Instrument der Mittelbeschaffung eigne oder ob dies größeren NPOs vorbehalten sei.
Ich denke, dies ist uneingeschränkt mit „kommt darauf an“ zu beantworten. Grundsätzlich spricht für mich nicht viel dagegen, obschon wie Brenner betont, „Sozialsponsoring ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist und damit Versuche der Einflussnahme auf den Gesponsorten möglich sind.“ Wenn diese Einflussnahme entweder als Form der Bereicherung der eigenen Geschäftstätigkeiten der Nonprofit-Organisation gesehen wird oder wenn die Möglichkeit der Einflussnahme grundsätzlich ausgeschlossen wird, gibt es damit keine Probleme.
Wichtig ist allerdings die grundsätzliche Bereitschaft, mit einer solchen Partnerschaft professionell umzugehen. Sponsoring ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit – was den üblichen Prinzipien, die ansonsten bei Mittelakquise bestehen, unter Umständen widerspricht: bei Förderanträgen und Verwendungsnachweisen überwiegen häufig Antragslyrik auf Seiten des Antragstellers, formalistisches Argumentieren und Zeitverzögerungen auf Seiten der Geldgeber. Die tatsächlichen Leistungen unterliegen häufig politischem Willen. Bei der Spendenakquise steht der Zweck eindeutig im Zentrum der Betrachtung – und das Marketing, welches diesen verkauft. Ob dieser dann tatsächlich so umgesetzt wird, wie sich das der Spender wünscht, sei mal dahingestellt.
Das Soziosponsoring weist einen grundsätzlich anderen Weg. Was es für mich sympathisch macht: zum Einen zählt die tatsächliche Leistung – denn ein Unternehmen zahlt einen Preis für ein vorab vertraglich zugesichertes Produkt. Wird dieses Produkt (z.B. die Außenwirkung in Form von messbaren Medienkontakten unter Nennung des Sponsors) nicht erreicht, wird sich das geldgebende Unternehmen zu Recht bemerkbar machen. Nonprofit-Unternehmen sind gezwungen, professioneller zu arbeiten sowie verlässliche und messbare Ziele zu benennen.
Ich denke nicht, dass es in Bezug auf die Umsetzungsmöglichkeiten von Soziosponsoring einen Unterschied zwischen größeren und kleineren NPOs gibt. Vielmehr gibt die Professionalität den Ausschlag: wenn sich eine Nonprofit-Organisation auf ein Geschäft mit einem Wirtschaftsunternehmen einlässt, sollte sie sich dessen Bewusstsein, dass es sich wirklich um ein Geschäft zwischen Anbieter und Nachfrager einlässt. Ein guter Verkäufer kann auch für eine kleinere NPO erfolgreich sein. Allerdings ist es leider so, dass die meisten NPOs nicht so denken und Mitarbeiter, die solche Fähigkeiten besitzen, dafür in der Regel nicht allzu viele Ressourcen besitzen – anders als in größeren Organisationen.
Die Frage nach einer möglichen Einflussnahme des Sponsors auf die Organisation ist eine Pseudo-Sorge, die ein Wirtschaftsunternehmen bei Geschäften – außer im Rahmen von strategischen Investitionen – nie stellen würde. Mich würde von daher interessieren, ob es reale Beispiele für Fälle gibt, in denen tatsächlich ein Sponsor die Arbeitsinhalte einer Nonprofit-Organisation beeinflusst hat.
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Blog vs. Twitter
Entschuldigung, ich war in den letzten vier Wochen nach Twitter verreist.
In den nächsten Tagen finden Sie mich nicht auf Xing, Sie haben aber eine Chance, mich auf friendfeed zu treffen.

Mein persönliches derzeitiges Online-Verhalten spiegelt in gewisser Weise einen allgemeinen Trend wider: Es wird weniger gebloggt, dafür umso mehr getwittert. Auch ich habe nach ein paar Anläufen endlich Twitter für mich entdeckt – als eine unvergleichlich gute und dynamische Informationsquelle, als einfachen Einstieg in zum Teil tiefgründige Themen. Und dabei habe ich mein Blog vernachlässigt, ganz zu schweigen von meinem Xing-Netzwerk. Ich betreibe dies Blog, Twitter usw. als reines Hobby neben meiner eigentlichen Arbeit und meiner Offline-Welt, und da muss ich mich halt entscheiden, wohin meine Ressourcen fließen. Wie gesagt, es wird getwittert, was das Zeug hält. Es gibt zunehmend Annahmen, dass Twitter in naher Zukunft Blogs verdrängen wird, so wie Online-Nachrichten die klassischen Printmedien verdrängen und verdrängt haben. Diese Entwicklung betrübt mich ein wenig, da ich mir wünsche, dass wichtige Themen nicht überwiegend in ihrer Quantität, sondern vor allem in ihrer Qualität erfasst und diskutiert werden. Ist das möglich, wenn ich von einem Link zum nächsten fliege?Und wenn ich dort 20 Präsentationen zu Social Media im Nonprofit-Bereich finde, den Link gleich als Retweet weiterleite? Weil… also… 20 Präsentationen zum Thema, das ist doch was, das ist doch toll. Sollen sich die anderen die doch mal angucken. Oder weiterleiten. Oder mir folgen. Ist das tiefgründig?

twitter over capacity
Wie gesagt, mittlerweile mag ich Twitter. Sehr sogar. Doch vermisse ich die Tiefe, die ich bei einigen ausgewählten Blogs durchaus finde. Schlimm, wenn auf Kosten von Twitter Blogs zunehmend vernachlässigt werden. Umso mehr hat mich der ausführliche Artikel von Jeremiah Owyang zu dieser Entwicklung gefreut, der sich zum Bloggen bekennt und in seinem Netzwerk eine Verflachung der Diskussionskultur und zum Teil vollständigen Rückzug vom Blogging beobachtet. Twitter Nutzen bringend einzusetzen und mit dem eigenen Blog und anderen Online-Aktivitäten zu verbinden ist seine bevorzugte Strategie, was ich für sehr sinnvoll halte. Eine Möglichkeit, dies technisch zu unterstützen, bietet natürlich friendfeed, wodurch zumindest eingehende Kommunikation und eigene Postings aus verschiedensten Netzwerken gebündelt dargestellt werden können. Wenn ich jetzt nur aus friendfeed alle meine Profile zentral füttern könnte…
Mir zeigen die Entwicklungen jedenfalls, dass sich der Web 2.0-Markt in einer Konsolidierungsphase zu befinden scheint, wobei die Freaks den Ton angeben. Für Organisationen und Unternehmen bedeutet dies, sehr wachsam zu sein, in welchen Netzwerken sie aktiv sein wollen und wie sie ihre Ressourcen sinnvoll einsetzen. Dazu passt einmal mehr die Aussage von Seth Godin (Twibes, Piatkus Books 2008): „Stability is an illusion“ – es geht darum, aus der sich ständig in Bewegung befindlichen Masse heraus Stämme zu bilden, zu einer Bewegung zu binden und diese anzuführen. Dies geht aber nur mit einer durchdachten Marketingstrategie, deren Methoden und Instrumente zur Organisation und zu den zu bindenden Stämmen passen.
So gesehen haben Blogs, vor allem Corporate Blogs, nach wie vor eine große Zukunft vor sich. Twitter hat seine Funktionen und wird in Zukunft an Bedeutung noch zulegen. Als Marketinginstrument wird es jedoch Blogs auf absehbare Zeit nicht verdrängen können.
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Greenpeace goes Community
Eine schöne Nachricht für den Fortschritt der Web 2.0-Entwicklung von NPOs: Greenpeace launcht mit GreenAction nicht nur eine Community (Beta), sondern wagt den umfassenden strategischen Schritt zum Open Campaigning. Nicht, dass Greenpeace zuvor keine Berührungen mit Web 2.0 hatte – ein eigener rege gefütterter YouTube-Kanal,… doch als Strategie wollte Kampagnen-Geschäftsführer Roland Hipp dies nicht sehen. Umso mehr wird der neue Auftritt von Greenpeace hoffentlich Zeichen setzen für die Zukunft von Nonprofit 2.0: Eine Gesamtstrategie aus Community, Blog, Twitter und der nötigen Philosophie, nämlich der des Open Campaigning mit der Integration der Nutzer in die Planung und Umsetzung der Kampagnen bilden einen vollkommen neuen Standard und bedeuten einen ungeheuren Wettbewerbsvorteil. Engagierte Menschen, die für sich und ihre Umwelt etwas tun wollen, können nunmehr nicht nur spenden, vor Ort persönlich Hand anlegen und gestartete Kampagnen unterstützen – sie können sich darüber hinaus auch an der Entwicklung der Strategien beteiligen, was bislang zumindest in Deutschland noch ohne Beispiel ist. Das Präsentations-Video von der next09 ist jedenfalls vielversprechend.
Was das für die Gesamtausrichtung von Greenpeace bedeutet, wird zu beobachten sein. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass sich die erweiterten Beteiligungsformen auf Kampagnen beschränken lässt. In dem Blog, über Twitter und vor allem in der Community wird Greenpeace als Organisation mit all seinen Stärken und Schwächen diskutiert werden. Damit kompetent und Nutzerfreundlich umzugehen wird die eigentliche Herausforderung sein – und die Chance, sich als starke, transparente Organisation darzustellen.
Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Entwicklungen und freue mich über diese positive Entwicklung im Nonprofit-Bereich!
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Community Day 2009 in München
Community Day? In München fand heute fast unbemerkt von der Netzöffentlichkeit eine sehr gute, wenn nicht wegweisende Veranstaltung statt. Auf Einladung von Alexander Homeyer (Inhaber von Youngcom!) fanden sich Marc Bürger (Senior Online Product-Manager beim Egmont Ehapa Verlag), Matthias Kröner (Vorstand der Fidor AG und emotionaler Verfechter des Banking 2.0), Dr. Benedikt Köhler (einer meiner Lieblingsblogger und Director Digital Strategy & Research bei ethority) Dr. Clemens Riedl (schnellsprechbegabter Geschäftsführer der StudiVZ Ltd.) sowie Mario Ripanti (Geschäftsführer der ekaabo GmbH, konnte ich leider nicht mehr mitbekommen) in München ein, um über Erfolgsfaktoren für erfolgreiche Communities zu diskutieren.

Marc Bürger stellte die beeindruckend erfolgreichen Communities Micky-Maus.de (85.000 unique visitors, 2 Mio page impressions) sowie die Madchen-Community goSupermodel.de (270.000 unique visitors, 48 Mio page impressions) vor. Beide Communities basieren natürlich auf bestehendem Inhalt, bieten aber den jungen Nutzern zahlreichen Mehrwert wie Spiele, Vorschauen, umfangreiche Profilfunktionen etc. In beiden Fällen spielen Rankings eine große Rolle, durch erfolgreiche Aktivitäten können die Nutzer exklusive Auszeichnungen gewinnen und so ihr Profil sichtbar aufwerten. Bei goSupermodel.de gibt es zudem sogenannte Starprofile – diese können von den Nutzerinnen, aber auch von exklusiven Werbepartnern für eine von Ehapa betreute Kampagne angelegt und im Markenclub präsentiert werden.
Als „Der Einfluss von Social Media auf Finanzdienstleistungen“ auf dem Programm stand, wollte ich eigentlich in die Pause flüchten – zum Glück bin ich sitzen geblieben, denn was Matthias Kröner zu Banking 2.0 zu sagen hatte – und vor allem, wie – war jede Minute wert! Sein Vortrag war eine Abrechnung mit dem alten Finanzwesen, mit der Intransparenz und der zum Teil vollkommenen Beziehungslosigkeit des Großteils der Banker zum Kunden. Mehr noch prangerte er deren Morallosigkeit auch und gerade nach dem Finanzcrash an: Mitschwimmer beklagen und bejammern, was im Vorfeld alles falsch gelaufen sei und machen nun einfach weiter wie zuvor. Als Antwort darauf haben er und seine Mitstreiter nun das Banking 2.0 begründet: „Banking mit Freunden“. Was pathetisch und selbstbeweihräuchernd klingt, brachte Matthias Kröner in seiner packenden Grundsatzrede für €nterprise 2.0 authentisch rüber: Transparente Organisationsentwicklung, der Kunde verdient am Geschäft mit, die Bank wird so wirklich zu ’seiner’ Bank. Ein schönes Zitat von ihm: „Moral, Ethik und Kultur kann man nicht outsourcen!“ Die Organisation muss dies leben und umsetzen, statt bloß auch was mit Web 2.0 anzubieten, weil das grad alle so machen. Dies geschieht beim Fidor Community Banking mit Hilfe von durch Nutzer mitgestaltete monetäre Anreizsysteme.
Benedikt Köhler griff den Kulturbegriff gleich auf und sprach von einer Unternehmenskulturrevolution, die aufgrund der erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten nicht mehr abzuwenden ist. Wenngleich, wie er betonte, das zugrunde liegende Sozialverhalten tief in der Geschichte des Menschen als soziales Wesen verwurzelt ist. Vor diesem Hintergrund kommt Twitter eine außergewöhnliche Bedeutung als einfach zu bedienendes globales Vernetzungs- und Verweistool zu. In Verweisen auf Seth Godin stellte Benedikt Köhler Twitter als das universale Instrument zur Vernetzung der ‘Stämme’ dar, wie sich die Gruppenstruktur der Internetnutzer laut Godin darstellt. Auf die Slides seiner Präsentation freue ich mich jetzt schon.
Die Erfolgsgeschichte von StudiVZ ist hinlänglich bekannt. Die Power und das Selbstbewusstsein aber direkt von Clemens Riedl dargestellt zu bekommen, war mir allerdings eine große Freude. Wenngleich ich nicht ganz unkritisch den Umgang der VZler mit Datenschutzbestimmungen sehe, bin ich nach dem Vortrag schon mit dem stolzen Gefühl zurückgeblieben, dass wir in uns Deutschland als wie er sagte, ‘kleines gallisches Dorf erfolgreich gegen die marktdominierende übermacht’ aus übersee wehren. Nun muss ich gestehen, dass ich bislang noch kein Account habe, dies aber bei meinVZ (Netzwerk für Alumni und Young Professionals) bald nachhole, versprochen! Ausschlaggebend für den Erfolg von StudiVZ ist laut Clemens Riedl, das die Community für die Nutzer zur Lebens-Organisations-Software geworden ist, Kommunikaion erfolgt von vielen Nutzern ausschließlich über dieses Medium. Dazu passt das neue Projekt zur Europa- und Bundestagswahl: Nutzer sollen zur politischen Teilhabe motiviert werden und wählen gehen! Dazu startet StudiVZ derzeit eine große Kampagne mit starken TV- und Printmedienpartnern, die Kandidaten der Parteien haben größtenteils bereits eigene Profile auf StudiVZ angelegt und stellen sich dort ihrem Wahlvolk. Sehr beeidruckend vor allem vor dem Hintergrund, dass die fehlende Motivation zur gesellschaftlichen Teilhabe durch die Parteien auf dem Nationalen Forum für Engagement und Partizipation (vgl. mein Post dazu) angemahnt wurde. Hier geschieht über eine kommerzielle Vernetzungsplattform also eine spürbare Weiterentwicklung der Bürgergesellschaft – spannend!
Das war eine etwas ausufernde Nachbetrachtung des ersten Community Days – aber die Referenten waren es wert!
Schließen möchte ich mit einem weiteren schönen Zitat von Matthias Kröner: „Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis: er muss sich immer merken, wem er was gesagt hat. Deshalb wollen wir eine offene und ehrliche Kommunikation pflegen.“ Hallelujah!
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