bresgun

Web 2.0 für Bildungsnetzwerke

Community Day 2009 in München

Community Day? In München fand heute fast unbemerkt von der Netzöffentlichkeit eine sehr gute, wenn nicht wegweisende Veranstaltung statt. Auf Einladung von Alexander Homeyer (Inhaber von Youngcom!) fanden sich Marc Bürger (Senior Online Product-Manager beim Egmont Ehapa Verlag), Matthias Kröner (Vorstand der Fidor AG und emotionaler Verfechter des Banking 2.0), Dr. Benedikt Köhler (einer meiner Lieblingsblogger und Director Digital Strategy & Research bei ethority) Dr. Clemens Riedl (schnellsprechbegabter Geschäftsführer der StudiVZ Ltd.) sowie Mario Ripanti (Geschäftsführer der ekaabo GmbH, konnte ich leider nicht mehr mitbekommen) in München ein, um über Erfolgsfaktoren für erfolgreiche Communities zu diskutieren.

community_day
Marc Bürger stellte die beeindruckend erfolgreichen Communities Micky-Maus.de (85.000 unique visitors, 2 Mio page impressions) sowie die Madchen-Community goSupermodel.de (270.000 unique visitors, 48 Mio page impressions) vor. Beide Communities basieren natürlich auf bestehendem Inhalt, bieten aber den jungen Nutzern zahlreichen Mehrwert wie Spiele, Vorschauen, umfangreiche Profilfunktionen etc. In beiden Fällen spielen Rankings eine große Rolle, durch erfolgreiche Aktivitäten können die Nutzer exklusive Auszeichnungen gewinnen und so ihr Profil sichtbar aufwerten. Bei goSupermodel.de gibt es zudem sogenannte Starprofile – diese können von den Nutzerinnen, aber auch von exklusiven Werbepartnern für eine von Ehapa betreute Kampagne angelegt und im Markenclub präsentiert werden.
Als “Der Einfluss von Social Media auf Finanzdienstleistungen” auf dem Programm stand, wollte ich eigentlich in die Pause flüchten – zum Glück bin ich sitzen geblieben, denn was Matthias Kröner zu Banking 2.0 zu sagen hatte – und vor allem, wie – war jede Minute wert! Sein Vortrag war eine Abrechnung mit dem alten Finanzwesen, mit der Intransparenz und der zum Teil vollkommenen Beziehungslosigkeit des Großteils der Banker zum Kunden. Mehr noch prangerte er deren Morallosigkeit auch und gerade nach dem Finanzcrash an: Mitschwimmer beklagen und bejammern, was im Vorfeld alles falsch gelaufen sei und machen nun einfach weiter wie zuvor. Als Antwort darauf haben er und seine Mitstreiter nun das Banking 2.0 begründet: “Banking mit Freunden”. Was pathetisch und selbstbeweihräuchernd klingt, brachte Matthias Kröner in seiner packenden Grundsatzrede für €nterprise 2.0 authentisch rüber: Transparente Organisationsentwicklung, der Kunde verdient am Geschäft mit, die Bank wird so wirklich zu ‘seiner’ Bank. Ein schönes Zitat von ihm: “Moral, Ethik und Kultur kann man nicht outsourcen!” Die Organisation muss dies leben und umsetzen, statt bloß auch was mit Web 2.0 anzubieten, weil das grad alle so machen. Dies geschieht beim Fidor Community Banking mit Hilfe von durch Nutzer mitgestaltete monetäre Anreizsysteme.
Benedikt Köhler griff den Kulturbegriff gleich auf und sprach von einer Unternehmenskulturrevolution, die aufgrund der erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten nicht mehr abzuwenden ist. Wenngleich, wie er betonte, das zugrunde liegende Sozialverhalten tief in der Geschichte des Menschen als soziales Wesen verwurzelt ist. Vor diesem Hintergrund kommt Twitter eine außergewöhnliche Bedeutung als einfach zu bedienendes globales Vernetzungs- und Verweistool zu. In Verweisen auf Seth Godin stellte Benedikt Köhler Twitter als das universale Instrument zur Vernetzung der ‘Stämme’ dar, wie sich die Gruppenstruktur der Internetnutzer laut Godin darstellt. Auf die Slides seiner Präsentation freue ich mich jetzt schon.
Die Erfolgsgeschichte von StudiVZ ist hinlänglich bekannt. Die Power und das Selbstbewusstsein aber direkt von Clemens Riedl dargestellt zu bekommen, war mir allerdings eine große Freude. Wenngleich ich nicht ganz unkritisch den Umgang der VZler mit Datenschutzbestimmungen sehe, bin ich nach dem Vortrag schon mit dem stolzen Gefühl zurückgeblieben, dass wir in uns Deutschland als wie er sagte, ‘kleines gallisches Dorf erfolgreich gegen die marktdominierende übermacht’ aus übersee wehren. Nun muss ich gestehen, dass ich bislang noch kein Account habe, dies aber bei meinVZ (Netzwerk für Alumni und Young Professionals) bald nachhole, versprochen! Ausschlaggebend für den Erfolg von StudiVZ ist laut Clemens Riedl, das die Community für die Nutzer zur Lebens-Organisations-Software geworden ist, Kommunikaion erfolgt von vielen Nutzern ausschließlich über dieses Medium. Dazu passt das neue Projekt zur Europa- und Bundestagswahl: Nutzer sollen zur politischen Teilhabe motiviert werden und wählen gehen! Dazu startet StudiVZ derzeit eine große Kampagne mit starken TV- und Printmedienpartnern, die Kandidaten der Parteien haben größtenteils bereits eigene Profile auf StudiVZ angelegt und stellen sich dort ihrem Wahlvolk. Sehr beeidruckend vor allem vor dem Hintergrund, dass die fehlende Motivation zur gesellschaftlichen Teilhabe durch die Parteien auf dem Nationalen Forum für Engagement und Partizipation (vgl. mein Post dazu) angemahnt wurde. Hier geschieht über eine kommerzielle Vernetzungsplattform also eine spürbare Weiterentwicklung der Bürgergesellschaft – spannend!
Das war eine etwas ausufernde Nachbetrachtung des ersten Community Days – aber die Referenten waren es wert!
Schließen möchte ich mit einem weiteren schönen Zitat von Matthias Kröner: “Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis: er muss sich immer merken, wem er was gesagt hat. Deshalb wollen wir eine offene und ehrliche Kommunikation pflegen.” Hallelujah!

Mai 28, 2009 Geschrieben von | Community Management, Soziale Netzwerke, Web 2.0 | , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

NPO-Blogparade Nr. 8: Zur Online-Partizipation motivieren

Die NPO-Blogparade geht mittlerweile in die 8. Runde. Hannes Jähnert widmet sich einem spannenden Thema und fragt, wie mehr Menschen zur (politischen) Teilhabe über das Internet bewegt werden können. Hannes Jähnert widmet sich bewusst der Politik als Schwerpunkt, indem er nach Habermas die Stärkung der Zivilgesellschaft als wesentliche Chance im Social Web sieht, wo mit relativ geringem Aufwand eigene, private Meinung verstärkt nach Außen getragen werden kann. Dies ist unbestritten, ebenso wie seine Folgerung, dass Politiker verstärkt die neuen Vernetzungsmöglichkeiten im Web 2.0 nutzen sollten, aber dies nicht genügend umsetzen. Doch ist daraus allein ein Rückschluss auf geringe Partizipationsmöglichkeiten zu ziehen? Auf dem Nationalen Forum für Engagement und Partizipation in Berlin, an dem ich vergangenen Freitag teilnehmen durfte, war genau dies Thema in dem Dialogforum “Engagement in der demokratischen Gesellschaft – Engagement als Partizipation”: Die Parteien transformieren nicht mehr in genügendem Maße demokratische Prinzipien wie gesellschaftliche Teilhabe und Beteiligung, wie dies wünschenswert wäre. Der breite Zugang zu demokratischen Beteiligungsformen über Parteien zumindest scheint nicht mehr zu funktionieren, das zeigt alleine der Mitgliederschwund bei den (bürgerlichen) Parteien. Politikverdrossenheit zeigt sich also nicht nur bei Wählern, sondern auch bei Aktiven. Barack Obama hat jedenfalls durch seinen Wahlkampf und seine Politik der Integration der Bürger in die politische Arbeit gezeigt, wie die Menschen zu mobilisieren sind. Spannend wird sein zu betrachten, ob eine Verstetigung in den politischen Alltag einsetzt und über den verlängerten Wahlkampf hinaus die politische Teilhabe in den USA nachhaltig verändern wird.

Bietet das Internet mit seinen neuen Formen der vernetzten Kommunikation nun neue Optionen, um die Beteiligungskultur in der Gesellschaft und bei den Parteien zu stärken? Ich denke, auf jeden Fall! Allerdings kommt es nicht nur auf den Einsatz solcher Technologien an, sondern auf den bewussten Umgang mit ihnen, was ein Umdenken in der Kommunikation und im Miteinander mit denjenigen, mit denen die Kommunikation gesucht wird bedeutet. Aber ist (politische) Partizipation nur auf den Bereich der Parteien zu beschränken? Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen der Zugang zu Beteiligung und Teilhabe gefördert wird. Ich leite beispielsweise die Aktion Mitmachen Ehrensache, bei der im letzten Jahr in Baden-Württemberg über 7.000 Jugendliche einen Tag lang jobbten und das Geld (2008: 178.000 Euro) gemeinnützigen Zwecken spendeten. Über 350 ehrenamtliche Jugendliche, sogenannte Botschafter, bewerben die Aktion.  Momentan entwickelt sich ein landesweites Botschafter-Netzwerk, dem wir in Zukunft auch über Online-Vernetzung gerecht werden wollen. Deutlicher in Richtung politischer Teilhabe, in Richtung einer Bürgergesellschaft zielt die Stiftung Mitarbeit: “Bürgergesellschaft heißt gesellschaftliche Selbstorganisation. Oder präziser: demokratische, gesellschaftliche Selbstorganisation, unabhängig vom Staat und außerhalb des Marktes.” In diese Richtung weist auch der Wegweiser Bürgergesellschaft, der über Möglichkeiten des bürgerschaftlichen Engagements und politischer Teilhabe informiert und der Erleichterung von Erfahrungsaustausch und Kooperation zwischen unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Netzwerken dient. Diesen Beispielen fehlt allerdings eine von Hannes Jähnert geforderte Eigenschaft: die Möglichkeit der Online-Partizipation. Dabei bieten sich gerade diese Beispiele für die aus meiner Sicht logische Weiterentwicklung an: Vernetzung zwischen den relevanten Akteuren ohne Reibungsverlust, Motivation durch unmittelbar erlebbare Einflussmöglichkeiten sowie Nachhaltigkeit in der Kommunikation der Inhalte durch öffentliche Diskussionen, die weite Kreise ziehen wird.

Ein vielversprechendes Projekt für die Aktivierung von politischer Online-Partizipation von Jugendlichen findet sich im Jugendnetz Baden-Württemberg unter deinestimme.jugendnetz.de: hier können Jugendliche über die Lebensqualität in ihrem Ort abstimmen und die kommunale Politik vor Ort bewerten. Die Seite ist als Tool konzipiert, das jederzeit eingesetzt werden kann, besonders effektiv natürlich im Vorfeld von Kommunal- oder Kreistagswahlen. Die Ergebnisse können jederzeit von jedermann online abgerufen werden – sie können also nicht geschönt, vertuscht, etc. werden, die Meinung der Jugendlichen ist transparent und öffentlich.

Mai 19, 2009 Geschrieben von | Web 2.0 | , , , , , , | 6 Kommentare

   

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.