NPO-Blogparade: Kehrseite des Web 2.0 für NPOs?

Im neusten Artikel der NPO-Blogparade, dem ich mich aufgrund meines wohlverdienten Weihnachtsurlaubs erst jetzt widme, fragt Ole Seidenberg nach den möglichen Kehrseiten des Web 2.0-Hypes für den Nonprofit-Sektor und sieht 4 mögliche Gefahren als gegeben:

  1. Zweckentfremdung von Dienstleistungen am Beispiel Museum (Bilder und Führungen)
  2. Unkreative Lösungen statt Weisheit der Massen
  3. Abschwächung menschlicher Solidarität bei Online-Beteiligungen
  4. Verzerrungen bei Spenden

Ich halte die kritische Betrachtung der Entwicklung im Web 2.0-Bereich für absolut notwendig. Der Zweckentfremdung von Dienstleistungen kann ich mich jedoch nicht ganz anschließen. Der Informationsgehalt im Internet kann den Erlebnischarakter eines Museums meiner Meinung nach nicht ersetzen oder gar zweckentfremden, vielmehr unterstützen. Interessant wäre eine Studie zu betrachten, die einen Zusammenhang von Besucherzahlen und Veröffentlichungen von Werken eines Museums untersucht. Ich vermute, dass die Besucherzahlen in Museen nicht leiden – vielmehr bereiten sich Besucher intensiver auf die Führungen vor – und sind möglicherweise kritischer, was aber nicht negativ zu bewerten ist.

Unkreative Lösungen sehe ich ganz und gar nicht als Gefahr bei der Weiterentwicklung des Web 2.0, ganz im Gegenteil. Es gibt zahlreiche gute Beispiele für kreative Energie, die durch Crowdsourcing, also die Öffnung der Innovationsprozesse und Einbeziehung von Vielen, frei werden kann. Prominentestes Beispiel sind neben der Wikipedia und Firefox das ebenso häufig erwähnt Projekte Lego Factory, bei dem Nutzer ihre eigenen Kreationen per Software entwickeln, hochladen und weiterentwickeln können. Dabei entstehen nicht nur Mainstream-Produkte, sondern sehr individuelle Eigenkreationen. Sehr gute Beispiele sind dazu auch bei den Groundswell Awards zu finden, die sich gerade mit gelungenen Umsetzungen von Nutzerintegration befassen.

In seiner Antwort auf die Frage konzentriert sich foulder in erster Linie auf den drohenden Kontrollverlust über die Kommunikation (über die eigene Marke) im Web durch die Verknüpfung selektiv ausgewählter Daten. Die triviale und richtige Antwort auf möglichen Kontrollverlust lautet: Es gibt keine Alternative zur Teilnahme im Web 2.0. Dies sehe ich auch so: Den selektiven Informationen, Meinungen und Aussagen über eine Organisation oder Marke kann nur durch Transparenz und aktive Mitgestaltung ein ganzheitliches Bild gegenübergestellt werden, wenn die Informationen transparent und breit gestreut werden. Was allerdings die Meinungsbildner und Nutzer damit machen, ist nicht zu kontrollieren. Diesem Thema widmet sich seit längerem Jeremiah Owyang von Forrester, der sich vor kurzem mit der Frage beschäftigte, wie vertrauenswürdig der eigene Corporate Blog ist. Er hebt in seinem Artikel die Bedeutung von Schreibstil, Inhalte, Menschlichkeit, Verlinkungsverhalten, Kundenintegration, Dialogform, Kommentarkultur und Update-Häufigkeit vor. Lesenswert, vor allem auch die Kommentare! Owyang konzentriert sich bei seinen Untersuchungen vor allem auf Twitter, was aber gut auf jede Art von Web 2.0-Kommunikationsaktivität zu übertragen ist. Ich habe mich in einem Artikel etwas ausführlicher damit beschäftigt.

Die Reaktionen auf diese wichtige Fragestellung der 3. NPO-Blogparade haben sich leider in Grenzen gehalten. Dies mag an dem ungünstigen Zeitpunkt vor Weihnachten gelegen haben. Vielleicht aber wäre die Konzentration auf eine der 4 Gefahren und ihre ausführlichere Betrachtung mit mehr Reibefläche sinnvoll gewesen. Die Fragen jedoch sind sinnvoll und sollten weiter diskutiert werden.

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6 Antworten zu NPO-Blogparade: Kehrseite des Web 2.0 für NPOs?

  1. Was mir nicht ganz klar ist: in welchem Zusammenhang stehen der drohende Kontrollverlust und die Verknüpfung selektiv ausgewählter Daten?

    • bresgun schreibt:

      Hallo Christian Henner-Fehr,

      wenn ich foulder richtig verstanden habe sieht er es als kritisch an, dass von den vielen wichtigen Informationen, die eine Organisation kommunizieren will, durch Blogger und andere aktive Nutzer nur einzelne, selektive Inhalte kommuniziert werden. In der Außenbetrachtung ergibt sich aus der Verknüpfung dieser einzelnen Inhalte und Meinungen ein Bild, das unter Umständen nicht den Wunschvorstellungen der Organisation entspricht. Demzufolge erleidet die Organisation einen Kontrollverlust über ihr Außenbild. Eine Organisation kann dank Web 2.0 nicht die Kontrolle über die über sie verbreiteten Inhalte haben, was im demokratischen Sinne nur gut ist. Sie sollte sich aufgefordert fühlen, ihre Inhalte, Einstellungen und Prozesse soweit möglich transparent zu kommunizieren und den aktiven öffentlichen Dialog mit Nutzern, Kunden und Stakeholdern suchen.

  2. foulder schreibt:

    Hallo zusammen,
    bresgun hat mich schon richtig verstanden und toll zusammengefasst: Informationen, die zur Verfügung gestellt werden, können von Nutzerinnen und Nutzern selelktiv und damit „falsch“ (wenn es das überhaupt gibt) verknüpft werden. Ich unterstelle aber den Internetnutzer(innen), dass sie Organisationen via Weblog o.ä. nicht absichtlich denunzieren wollen, sondern überzeugt sind, ihr Wissen richtig zu verknüpfen. Das kann aber eben bei intransparenten Organisationen schnell negativ (oder manchmal auch zu positiv) für den öffentlichen Auftritt geschehen.

  3. bresgun schreibt:

    Hallo foulder,

    da bin ich froh, vielen Dank!

  4. Danke, jetzt habe ich den Zusammenhang verstanden. In meinen Augen ist das aber nicht unbedingt negativ, wenn die Organisationen/Unternehmen nicht mehr die Kontrolle über ihr Außenbild haben. Da wurde schon in der Zeit vor dem Web2.0 viel Missbrauch getrieben. Der Vorteil: nun fliegt so etwas leichter auf.

    Abgesehen davon bin ich mir auch gar nicht sicher, ob es so etwas wie ein objektiv richtiges Bild gibt. Ob wir von außen oder die Organisation selbst, wir alle filtern und selektieren und sind daher gar nicht in der Lage, ein objektives Bild zu vermitteln. Problematisch wird es meiner Meinung nach nur dann, wenn wissentlich versucht wird, einer Organisation zu schaden.

  5. bresgun schreibt:

    Das sehe ich ähnlich. Natürlich wollen und müssen Nonprofit-Organisationen wie Wirtschaftsunternehmen eine Kommunikationsstrategie verfolgen, mit der vor allem in der Markenkommunikation ein gewisses Bild der Marke, bestimmte Eigenschaften oder gar eine Erlebniswelt vermittelt wird. Beliebige Informationen über eine Organisation sollten nicht wahllos kommuniziert werden. Aber es zeugt von Vertrauen in die eigene Stärke, wenn sich eine Organisation zutraut, zum Beispiel Ideen zu veröffentlichen oder Nutzer zur kritischen Auseinandersetzung einlädt. Objektivität ist da meiner Meinung nach auch kein Kriterium, das es zu erfüllen gilt. Vielmehr wird dadurch das Interesse einer Organisation, den Bedürfnissen von Kunden und Nutzern entgegen zu kommen, deutlich. Das wiederum verstärkt die Kundenbindung.

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